Über das Festhalten von Tanz

Verwinkelte Flure im Untergeschoss des Neubaus an der Gabelsbergerstraße. In den noch leeren Räumen des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst ist in diesen Tagen viel los – Aufbauarbeiten zu den Performances von Richard Siegal und Stefan Dreher. Zwischen Betonwänden und Glasscheiben steht die schlichte Bühne, umrahmt von drei Leinwänden, auf denen Buchstaben in verschiedenen Mustern und Formen erscheinen und schnell wieder verschwinden. Stefan Dreher geht bei „I wish I were a hay“, benannt nach dem gleichnamigen Gedicht von Emily Dickinson, den Möglichkeiten von schriftlicher und bildlicher Fixierung von Tanz nach.

Kann man Tanz festhalten?

Gegenwart kann man nicht festhalten, denn die zerfällt dauernd. Man kann nur eine Aufnahme des Augenblicks machen. Und die kann man sich immer wieder angucken und reproduzieren. Vor allem im Tanz ist das die Grundfaszination: Das Unmöglich zu versuchen und das Vergängliche wie eine Geste zu wiederholen. Festhalten kann man aber auch in einer Tanzschrift. Und eine Schrift ist wie ein Bild, das wiederum immer eine Illusion von etwas ist. Ich kenne kein Stück, das nicht schon mal abgebildet wurde. Denn alleine eine Notiz – „A läuft nach B“ oder „Ich fühl mich schlecht“ kann Tanzschrift sein.

Was geht verloren, wenn man versucht, Tanz festzuhalten?

Eigentlich nichts. Aber als Tänzer sucht man natürlich immer die Präsenz – dadurch wird eine Tanzschrift zur Gedächtnisstütze. Wenn wir absolut präsent wären, dann würden wir uns wie ein Tier bewegen und nur reagieren, Impulsen nachgehen. Erst durch das Gedächtnis ist man fähig zur Reproduktion.

Dienen die Bildschirme als schriftliche und bildliche Fixierung auf der Bühne?

Das sind alles Kompromisse. Das liegt daran, dass wir eine richtige Tanzschrift nicht so schnell lesen können, wie Laban zum Beispiel, das ist wahnwitzig komplex. Ein Teil der Informationen auf den Bildschirmen sind in uns gespeichert, um Bewegungen und Worte zusammenzulegen. Aus den auf den Bildschirmen abgebildeten Wörtern ziehen wir hauptsächlich Dauer und Raumwege. So wie sie geschrieben sind, so bewegen wir uns auf der Bühne.

Hat das Gedicht von Emily Dickinson „I wish I were a hay“ eine Bedeutung für deine Performance?

Dieses Gedicht hat für einige Verwirrung gesorgt, da die Leute dachten, es hätte eine Bedeutung, das hat es natürlich auch, aber nicht für den Tanz selbst. Denn es ist eine Illusion wie das Bild. Worte sind Buchstaben und Laute. Trotzdem habe ich es nicht zufällig ausgewählt, im 19. Jahrhundert drückte man etwas anderes aus.

Was denn zum Beispiel?

Eine starke Todessehnsucht. Christoph (verantwortlich für Sounddesign) meint dagegen, es ist mehr die Lust an der Idee.

Die Performance findet im Museumsraum statt. Was ist das Besondere daran?

Gerade in München finde ich es toll, wenn man aus der freien Arbeit kommend, an institutionelle Orte darf, denn man ist normalerweise notgedrungen in Hinterhöfen. Ich würde mir noch mehr wünschen, dass die, die Paläste besitzen, diese auch öffnen!

Und der Umgang mit dem Museumsraum selbst, in dem Tanz gezeigt und ausgestellt wird?

In letzter Zeit interessiert mich die Arbeit mit selbstgebauten Bühnen, die man immer wieder woanders hin stellen kann. Das ist ein besonderer Akt und verändert jeden Raum. Im Museum ist das Spannende, dass das Publikum die Freiheit hat, wegzugehen, wenn es möchte.