„Die großen Entwürfe sind im Moment nicht da“

Sebastian Hirn über seinen performativen Beitrag „Reenacting the Reenactment“ im Maxforum, das sich als Collage aus Archivtexten auf eine Spurensuche zum Suizid verschiedener deutscher Schriftsteller begibt.

Was ist für Sie ein Reenactment?

Da gibt es mittlerweile eine klare Definition. Reenactment kommt aus dem Nachstellen von historischen Ereignissen, was vor allem im englischen Fernsehen früher viel gezeigt wurde. Eigentlich ziemlich schrecklich. Mit der Welle des Dokumentarischen im Theater tauchte es in den letzten Jahren als Modebegriff auf.

Bei meiner Installation ist es mehr mit einem leichten Augenzwinkern gedacht, weil es ja hier um die „Nachstellung der Nachstellung des Doppelsuizids“ geht.

Welchen Bezug gibt es zu Beuys‘ Installation „Zeige deine Wunde“, die hier im Maxforum 1974 gezeigt wurde?

Es gibt verschiedenste Verweise zu Beuys, vor allem durch den Ort, aber auch einen thematischen durch zwei Requisiten. Aber wir machen keine Rekonstruktion von Beuys!

Wie seid ihr auf den gegebenen Raum, das Maxforum, eingegangen?

Wir sind einerseits historisch, aber auch räumlich über die Architektur rangegangen. Der Raum ist relativ achsensymmetrisch gebaut, also wie eine Spiegelung. Dieses Thema der Doppelung haben wir auch in der Installation aufgegriffen, denn Katharina Gaenssler (Fotoinstallation) hat den Raum in sich selbst nochmal abgebildet. Es ist ein Raum im Raum entstanden.

Im Programmheft steht, wir befänden uns in einer „utopiefreien Zeit“. Was bedeutet das genau?

Das ist eine Behauptung. Aber es ist natürlich so, dass man seit dem Zusammenbruch der beiden großen Weltanschaunungssysteme 1989/90 in einer Post-Utopie-Zeit lebt, da es seitdem keine großen utopischen Entwürfe mehr gegeben hat, die maßgeblich gewesen wären. Heute geht es mehr um pragmatische Entscheidungen als um zukunftsgerichtete Visionen.

Welche Verbindung gibt es zwischen dem Verlust der Utopie und Ihrem Stück?

Es geht um eine Spurensuche nach deutschen Schriftstellern, die sich dafür eingesetzt haben, mit ihrer Kunst gesellschaftlich relevant zu sein, sich einzumischen und gleichzeitig darin auch gescheitert sind. Und das alles mit einer großen pathetischen Geste, wodurch eine Mischung aus Narzissmus und Aufopferung entsteht. Ihr Suizid als Geste geht jedoch über die eigene Kunst hinaus und der Körper wird als Zeichensetzung Teil des Kunstwerks.