Ich-Kritzeleien

Tanzinstallationen nennt die Choreografin Anna Konjetzky ihre beiden Performances „Abdrücke“ und „Abdrücke folgen“, die in den beiden Studios des Muffatwerks gezeigt werden. In dem einen Raum, einem white cube ähnlich, befindet sich in einer verspiegelten Box, die Tänzerin, ausgestellt und auf unzählige Bögen Papier kritzelnd, ganz beschäftigt mit sich, ihrem Körper, dem eigenen Ich. Rundherum gruppiert sich das Publikum, kann die Tänzerin beobachten, während sie sich nur ihrem eigenen Antlitz gegenüber sieht. Im zweiten Raum findet sich das Publikum dann plötzlich innerhalb der Installation wieder, umgeben von vier Leinwänden, nur wenige Scheinwerfer trennen es vom Tänzerkörper. Die Grenzen verwischen zwischen Aufführungs- und Ausstellungssituation.

Worin liegt das Interesse an der Schnittstelle von Tanz und bildender Kunst?

In der Betrachtung des Körpers, bevor er eine Form, Stilrichtung oder Bewegung hat. Das Betrachten an sich ist ganz klar eine Logik der bildenden Kunst. Meine Suche besteht darin, dem Zuschauer einen ähnlichen Blick wie bei Ausstellungen zu ermöglichen. Denn bei Ausstellungen kommt und geht man, wie man will, kann bestimmte Details betrachten, man erlaubt sich das viel mehr. Im Theater ist man schneller mit einer Narration oder Dramaturgie beschäftigt.

Hast du bestimmte Erwartungen an den Zuschauer, wie zum Beispiel seine Aktivierung?

Ich denke das Publikum gerne mit, aber habe überhaupt keine Ambitionen dazu, es missionieren zu wollen. Ich will Assoziationen wachrufen. Mit einer bestimmten Lichteinstellung oder einem Sound kann man eine Atmosphäre erzeugen, die dem Publikum dadurch einen Rahmen vorgibt. Gleichzeitig gebe ich gerne ein Stück weit die Kontrolle ab. Einschreiten würde ich aber erst, wenn meine Tänzerin oder das Material in Gefahr wären.

In welchem Verhältnis stehen die beiden Performances „Abdrücke“ und „Abdrücke folgen“ zueinander?

„Abdrücke folgen“ ist als Weiterführung von Abdrücke entstanden und war anfangs gar nicht geplant. Rein formal sind beide Performances über die schwarz-weiß-Ästhetik der Räume miteinander verbunden, für die zweite wollte ich den Raum wie eine größere Box bauen, in der sich auch das Publikum befindet.

Und der thematische Bezug?

Thematisch bleibt es auch das Gleiche: Sich erfassen und erfasst werden. Hinschauen und der Versuch des Festhaltens, der das Betrachtete gleichzeitig unscharf macht und verschwinden lässt.

Auch das ‚Zu-Nah‘ und ‚Zu-Viel‘ taucht in beiden Performances auf. Zum Beispiel durch die lauten Atemgeräusche und die Videoprojektionen.

Ein Moment der Überraschung entsteht durch die plötzliche Projektion des Personalausweises von Sahra Huby, ihrer Kontoauszüge und Röntgenbilder.

Diese Bilder habe ich ganz bewusst an den Schluss gesetzt, da sie aus dem Rahmen fallen. Wichtig daran ist für mich, dass es den Körper in der Öffentlichkeit zeigt und man den Menschen auf diese Daten reduzieren könnte. Es ist ein Prinzip des Durchleuchtens und gibt immer vertraulichere Informationen preis.