DNA der Erinnerung

Seit mehr als zehn Jahren belebt Berkan Karpat mit seinen monumentalen Projekten den öffentlichen Raum Münchens mit Bezug auf Geschichte und Architektur der jeweiligen Orte. Selbst verfasste, szenische Texte aber auch performative und installative Momente fließen mit ein. Arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Technik mit eigenwilligen Verknüpfungen von  Naturwissenschaftliches mit Metaphysischem.

Vor einem Jahr sprach ich mit ihm über sein Projekt „DNA der Erinnerung“, das im September 2011 vor dem Amerikahaus am Karolinenplatz stattfand. Ein Teil der damals entstandenen Skulptur, einer zwölf Meter langen Stahlplatte, findet sich heute ab 15.00 vor dem Amerikanischen Generalkonsulat wieder. (Die damals gedachte Speichelprobe wurde bei der Realisierung des Projekts durch eine Blutprobe ersetzt.)

Was interessiert Sie an der Schnittstelle von Kunst und Technik?

BK: Für mich haben sich Technik und Kunst schon immer durchdrungen. Ohne den künstlerischen Habitus gäbe es keine Technik und umgekehrt. Die Technik, so wie wir sie im Alltag verwenden, enthält oftmals die Poesie nicht mehr. Und die Frage, die mich beschäftigt, ist: Wie kommt die Poesie wieder zu diesen Alltagsgegenständen zurück?

Ein simples Beispiel ist ein Lautsprecher, den man präpariert und mit Flüssigkeit und Hiob-Rezitativen füllt. Unmittelbar hat man dadurch die Tränen Hiobs als Ausdruck im Lautsprecher und das ist die Poesie. Insofern durchdringen sich diese beiden Elemente immer in Wechselwirkung.

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Der erste Teil Ihrer derzeitigen Trilogie „hör‘ ich blüten sterben“ fand 2010 am Königsplatz statt und hatte den Titel „DNA des Vergessens“, nun folgt „DNA der Erinnerung“ am Karolinenplatz. Themen und Motive sind vielfältig: Nationalsozialismus und 9/11. Trauerzeremonien der abendländischen Religionen, Sufigesänge und deutsche Volkslieder.

Warum DNA?

BK: Für mich ist die DNA eine flüchtige Seinsstruktur. Anfangs dachte man ja, die DNA wäre ein genetischer Strang – so unveränderlich wie ein Marmorblock. Doch diese Struktur verändert sich stündlich und das bedeutet, dass die Flüchtigkeit deines Seins in der Irritation steht, ewig manifest zu sein.

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Der zweite Teil „DNA der Erinnerung“ wird im September 2011 am Karolinenplatz gezeigt, ein weiterer Platz auf der einstigen Prachtstraße Ludwigs I. nur einige hundert Meter vom Königsplatz entfernt. Doch diesmal steht nicht die nationalsozialistische Vergangenheit Münchens im Mittelpunkt, sondern die junge Vergangenheit Amerikas mit dem 11. September 2001. 

Welche Idee steckt hinter diesem Projekt mit dem Untertitel „Stahlklage“?

BK: 9/11 liegt für mich auf der gleichen Achse der Vergangenheit wie das Dritte Reich, 9/11 leitet, ob wir wollen oder nicht, das 21. Jahrhundert ein. Gleichzeitig war es ein inszenierter Wendepunkt, ein Medientheater, das man nicht mehr toppen kann. Deswegen bin ich auch verflucht vorsichtig, denn ich will nicht in der Sprache theatral werden. Das Projekt soll direkt vor dem Amerikahaus stattfinden, da dieses Gebäude für die amerikanische Entnazifierung und somit für eine Demokratisierung steht und der Ort gleichzeitig vom Prozess des Terrors befallen ist. Dort sollen ein Industrieroboter eine zwölf Meter lange Stahlplatte umformen, während ein Andachtsgebet gesprochen wird. Wir wollen von den Passanten Speichelproben sammeln, aus denen wir zwölf zufällig auswählen, um mit deren DNA-Sequenz den Industrieroboter zu steuern. Direkt nach der Aktion soll die Stahlplatte zerteilt werden. Einen Teil davon werden wir nächstes Jahr vor dem US Konsulat als Erinnerungstafel aufstellen und eine andere soll, wenn es klappt, zum Ground Zero in New York  gebracht werden.

Da die DNA für Flüchtigkeit steht, ist in diesem Kontext die Entrissenheit aus dem Leben stark verwoben. Hitler wollte der Welt einen ganzen genetischen Strang entreißen und bei 9/11 ist es so, dass genetisches Material unerwartet aus dem Leben gerissen wurde. Wo bettet sich dieses Trauma dann ein? Bei den Hinterbliebenen? Was ist jetzt die DNA-Struktur, die einfach weg ist? Daran soll erinnert werden.

Was bedeutet für Sie in diesem Kontext Erinnerung?

BK: Es ist ganz banal. Jede Erinnerung scheint erst mal manifest zu sein und fordert das Ewige, zerbricht jedoch in dieser Aufforderung sofort. In dem Moment, in dem ich ewig erinnert werden will, weiß ich schon, dass es eigentlich nicht möglich ist, weil Erinnerung flüchtig ist.

Deshalb wird die DNA in digitalen Chips gespeichert, verschwindet damit und steuert zugleich Industrieroboter, die eine Stahlplatte umformen, um die DNA für die Ewigkeit zu erhalten. Aber selbst die rostet. Man kann nichts für die Ewigkeit erschaffen.

Wie kann man sich diese Steuerung der Industrieroboter mithilfe einer DNA-Sequenz vorstellen?

BK: Vier Bausteine machen eine DNA aus, so dass ich jedem Baustein einen räumlichen Parameter zuordnen kann: Tiefe, Höhe, Breite, der vierte Parameter wäre eine weitere Tiefe… Im Grunde besteht die Gravur aus verschieden breiten und tiefen Balken, wie ein Barcode.

Diese Stahlplatte bezeichnen Sie als „Theaterplastik“. Warum?

BK: Weil sich in dieser Stahlskulptur das Prozesshafte manifestiert. Es ist mehr eine theatrale Geste als eine Plastik. Auch der Prozess, der dem Künstler alleine gehört, wird aufgelöst, da der Passant, der vorbeigeht, zum Miterbauer wird. Für mich ist das eher Theatralik.

Das Motiv der Tränen zieht sich durch die beiden ersten Teile. Bei „DNA des Vergessens“ sammeln Sie Tränen, bei „DNA der Erinnerung“ dienen diese als Erinnerungsspeicher und verdunsten während des Prozesses der Stahlumformung. Wie werden Sie dieses Motiv im dritten Teil, der schlicht „DNA“ heißt, weiterführen?

BK: Ich werde nochmals den Moment des Tränensammelns verwenden, diesmal jedoch auf einer persönlichen Achse. „DNA“ soll im Wohnraum meiner verstorbenen Mutter spielen, die dort 26 Jahre gewohnt hat. Ich habe auf diesen 22qm zwölf Jahre lang mit ihr gelebt. Dort soll feierlich eine Plakette versenkt werden, mit der Aufschrift „Urenkelin Dschingis-Khans“. Gleichzeitig werden zwei Industrieroboter auf jeder Straßenseite und eine Brücke installiert, die zum Fenster der Wohnung führt. Aus der DNA-Analyse des Haares meiner Mutter sollen dann Magnetfelder aufgebaut werden, die den Passanten ganz leicht über das Haar streicheln. Ich werde auf der Brücke liegen, mit den Gesängen meiner kleinen Tochter auf dem Körper, die wiederum die Industrieroboter steuern.