Unterwelten

Nicht Orpheus findet man beim Abstieg in den Tiefbunker Luisenstraße, sondern eine clean-gruselige Fetisch-Welt der Schönheitschirurgie. Weiß geflieste Räume bestückt mit allerlei silbrig glänzendem Gerät und Maschinerie (alles original aus den 50er Jahren) durchquere ich auf der Suche nach den schwarz-weißen Symbolen, die mir durch einen Klick mit dem I-Phone virtuelle Räume eröffnen. Eine Kinderstimme flüstert mir Grauenvolles aus dem leeren Bettchen zu. Aus der mit rosa Seife gefüllten Badewanne steigt ein Gesichtsrelief auf, Spritzen fliegen mir entgegen. Ich tauche ein in eine Welt, von der ich mich gar nicht umfangen lassen will. Angst steigt auf wie ein ursprünglicher Schutzmechanismus. Aus einer dunklen Ecke ertönen Schreie und dumpfe Klänge.

Jeden Moment rechne mit einer unangenehmen Überraschung, irrational besorgt um meine körperliche Unversehrtheit? Nein, eigentlich ist das Unsinn. Denn ich befinde mich in einem Kunst-Raum, ganz alleine, umgeben von der kreierten Welt Evelyn Hriberseks. Und doch an einem historisch vorgeprägten Ort, dem Tiefbunker. Wie einst Leichen, hängen nun an den Hacken lebensgroße Figuren, Darth Vader in pink, ein rasselnder Atem durchdringt den Raum.

Orpheus – jeder kennt wohl diesen Mythos des betörenden Sängers und Dichters, der seiner geliebten Eurydike in die Unterwelt folgte und sie dennoch verlor. Die Künstlerin Evelyn Hribersek versucht in ihrer Installation diese Thematik der Grenzüberschreitung in die Jetzt-Zeit zu transformieren und landet in der Welt der Schönheitschirurgie, die ewige Jugend, wenn nicht gar Unsterblichkeit zu versprechen scheint. Ein Thema, das an den Film „Die Haut, in der ich wohne“ von Pedro Almodóvar erinnert. Der Versuch der Perfektionierung und die Angst des Verlusts. Körperliche Optimierung. Eine schöne Welt der glatten Oberfläche, unter der es brodelt. Ich grusle mich nicht gerne, deshalb verlasse ich die Installation, ohne in die unteren Schichten vorgedrungen zu sein.

Und andere Besucher? Wie reagieren diese? Entweder überwältigt und beschäftigt damit, die starken Eindrücke zu verarbeiten oder mit einem breiten Grinsen, so die Künstlerin.